Nähe

Was ist Vegetation? Wo steht sie zwischen Mensch und unbelebter Materie? Eine ambivalente Exotik geht von ihr aus. Sie ist gleichzeitig fremd und doch vertraut. Sie existiert schon lange, ebenso wie Landschaft, deren Teil sie ist. Vegetation läßt die Landschaft weich und anschmiegsam erscheinen. Ihr Anblick evoziert spürbare Empfindungen auf der Haut. Vegetation ist der Pelz des Körpers Landschaft.

Pflanzen sind ein radikales Gegenüber. Der Wortsinn von radikal, radicalis, eingewurzelt, weist in eine Richtung, die für unsere Wahrnehmung von Pflanzen bedeutsam ist. Pflanzen sind meist eingewurzelt und fest mit der Erde verbunden. Sie bewegen sich nicht wie Mensch und Tier eigenständig von Ort zu Ort. Die Bewegung von Vegetation ist eher ein Ausdehnen und Entfalten, wachsen, oder ein metamorphes Werden und Vergehen, das meist langsam und kaum wahrzunehmen ist. So verändert sich Vegetation ständig, am Ort, im Biotop. Das läßtt Vegetation, läßt Pflanzen, trotz ihrer sich im fließenden Wandel befindlichen Gestalt, auch verläßlich erscheinen.

Pflanzen existieren standortbezogen. Sie besiedeln die zu ihnen passenden Gebiete und die Eigenheiten der Orte werden durch sie weiter ausformuliert. Sie teilen mit, welche Verhältnisse dort herrschen und sind ein Indikator für die Lebensqualität. Pflanzen sind überhaupt: Lebenszeichen.

Die Ausstrahlung vielfältiger Sinnesreize ist eine vitale Charakteristik von Vegetation. Düfte, Gerüche, Farben, Formen, Strukturen überlagern und verbinden sich vielfältig und sind Angebote an das Empfindungsvermögen. Als Medium in einem Kunstwerk verwendet, bedeutet dies, daß die Informationen eine größere Dichte gewinnen, da nicht nur das vom Menschen erdachte und hergestellte präsentiert, sondern auch das vom Menschen letztlich nicht Erklärbare, das Andere, Bestandteil des Werkes ist. In dieser lebenden Substanz ist mehr enthalten, als wir wissen.

Betrachten, Riechen, Schmecken, Fühlen: Der lebende Organismus 'Vegetation' teilt sich mit, aber diese von ihm selbst ausgehenden Äußerungen richten sich nicht an alle Sinne. Pflanzen erscheinen ruhig und still. Wenn wir ein Rascheln oder Rauschen hören, dann ist es ein vom Wind verursachtes Geräusch, das durch die Gestalt der Vegetation erklingt. Wind, Wasser und andere Lebewesen sind es auch, die die Ausbreitung der Pflanzen von Ort zu Ort übernehmen. Die Lautlosigkeit und die Bindung an den spezifischen Standort mögen dazu führen, daß Pflanzen eher passiv und deshalb dinghaft wahrgenommen werden. Das kommt der Möglichkeit, sie wie ein Material zu verwenden, entgegen.

Das Gemeinsame und gegenüber der Arbeit mit toter Materie grundlegend Andere der Arbeiten mit Pflanzen ist, daß dem Ego des Künstlers etwas Lebendes gegenüber steht. Werke mit Pflanzen sind sich entwickelnde, prozessuale Formen innerhalb zeitlicher Dimensionen. Sie werden in der Verlaufsform konzipiert und enthalten Lebensplanungen. Im Gegensatz zur Arbeit mit 'toter Materie' zeigen Pflanzen durch die ständigen Anforderungen an die Erfüllung ihrer Lebensbedürfnisse Abhängigkeiten deutlich.

So ist der Arbeitsprozeß mit Vegetation auch ein interaktiver Kommunikationsprozeß. Reize und Reaktionen ketten sich aneinander. Mit lebenden Pflanzen zu arbeiten, gleicht in mancher Hinsicht einer Regiearbeit. Der künstlerische Eingriff manipuliert an lebenden Vorgängen, die ihrerseits -als Feedback- wieder bestimmte Bedingungen an die Art der künstlerischen Arbeit stellen. Der Formprozeß wird zur Handlung und spiegelt sich im Lebensprozeß anderer Organismen. Künstler und Betrachter können sich selbst innerhalb einer lebenden Gesamtheit erfahren. Fast unmerklich verschieben sich die Rollen vom Produzenten und Rezipienten hin zum Teilnehmer. Hier überschneiden sich künstlerische Interessen, die zur Zeit auch in der Arbeit im Cyberspace verfolgt werden. Die 'Vitale Realität' mit den interaktiven Möglichkeiten bekommt als Feld für Natur-Erlebnisse neben der 'Virtuellen Realität' eine neue Bedeutung. Dabei wird in der aktuellen Kunst häufig nicht von Natur in einem umfassenden Sinne ausgegangen, sondern von einer Natur, die nur noch in Ausschnitten vorhanden ist.

Die Fähigkeit sich zu äußern, gehört zu den fundamentalen Charakteristika des Lebens. Hierzu zählen beispielsweise Akzeptanz, Verweigerung oder Aggression, die in artspezifischen Verhaltensweisen sichtbar werden. Diese expressive Kompetenz wohnt auch den Arbeiten mit lebenden Pflanzen inne. Sie bedeutet für die künstlerische Arbeit, daß das Werk nicht nur von außen wahrgenommen werden kann. Entscheidend ist: Bestandteile des Kunstwerkes besitzen die Fähigkeit, selbst etwas wahrzunehmen und darauf mit der Komplexität des lebenden Organismus differenziert zu reagieren.

Die Präsenz der Kunstwerke wird durch die Einbeziehung von lebenden Organismen erhöht. Das Bewußtsein um ihre Veränderlichkeit durch die innewohnenden Lebensprozesse erhöht die Möglichkeit, sie nicht nur als statischen Reiz wahrzunehmen, sondern in einer umfassenderen Weise zu erleben. Das Interesse an lebenden Vorgängen ist ein direkteres als an toten Materialien, weil Parallelen zum eigenen Leben bestehen. Werke mit lebender Vegetation nutzen die intensive Möglichkeit zu berühren, sie fordern emotionale Nähe heraus.

Pflanzen werden im Alltag vor allem in positiven Zusammenhängen erlebt. Zum einen sind sie ein Synonym für Nahrung und weitere nützliche Verwendungen. Darüber hinaus schmücken und erfreuen sie. Durch die Vielseitigkeit im Alltag und die breite öffentliche Akzeptanz, die sich in der Beliebtheit von Grünem zeigt, erscheint Vegetation in der Kunst als sanftes, populäres Medium . Gerade deshalb sind Pflanzen ein 'Material', das in der Kunst irritiert

Die offensichtliche Attraktivität, die Schönheit der Natur, die unverdeckt zur Schau gestellt wird, ist ungewohnt in Werken des 20. Jahrhunderts. Mit dem Einsatz von Pflanzen werden in der zeitgenössischen Kunst lange vernachlässigte Fragen aus dem Spannungsfeld Natur und 'Schönheit' von grundsätzlicher Bedeutung aufgeworfen und die Neubearbeitung eines Tabuthemas eröffnet. Dieser Inhalt hat bisher meine eigene künstlerische Arbeit weitgehend bestimmt und führte mich dazu mit Landschaft und Vegetation zu arbeiten.

In diesem Zusammenhang begann ich 1993 das Projekt KünstlerGärten Weimar. Das Vorhaben dauert noch an und ist, für einen Garten angemessen, in die Zukunft gedacht. Die Bezeichnung KünstlerGärten ist ein Arbeitsbegriff, der sich als Dach für verschiedene Unternehmungen des Projektes versteht. Meine derzeitige künstlerische Arbeit besteht darin, Strukturen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Grundlagen dafür bilden, daß Künstler Werke mit dem Medium Vegetation präsentieren. Damit bietet sich die Möglichkeit eines breiteren internationalen Diskurses über die Inhalte, die mit der Verwendung lebender Vegetation in der Kunst verknüpft sind.

Die künstlerische Arbeit mit lebenden Pflanzen wird in Weimar weltweit erstmals als vielgestaltig auftretendes Phänomen in der zeitgenössischen Kunst vorgestellt. Um die Thematik von mehreren Seiten anzugehen und mit verschiedenen Rezeptionsmöglichkeiten zu operieren, besteht das Projekt KünstlerGärten nicht nur aus den realen Werken mit Pflanzen in Weimarer Arealen. Weitere Arbeits- und Handlungsebenen als Foren des Austausches existieren parallel: die Vortragsreihe für Künstler und Wissenschaftler, die projektbegleitende Zeitschrift 'wachsen', das Lehrprojekt im Studiengang Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar, die Grafikedition, die Führungen und schließlich das Archiv. Der Themenkomplex lädt weiterhin zu Fragen, Überlegungen und zur experimentellen Praxis ein.

Auf die Frage nach der eigenen Existenz gibt es im menschlichen Denken keine logische Antwort. Haben wir nicht immer in die Natur hineingesehen, um etwas über uns herauszubekommen? Mit lebenden Pflanzen zu arbeiten hat etwas Intimes und zugleich Visionäres.

Barbara Nemitz